GET READY GUYS … 10 SECONDS.

Beklommenheit machte sich breit, auf den letzten Metern, die ich eine noch nicht gepflasterte, unscheinbare Hofeinfahrt hinablief, nicht wissend, was mir blühen sollte. Dieses Resultat einer ach so “pfiffigen” Idee meiner lieben Frau, welche sich seit einiger Zeit mehrmals pro Woche in einem nahegelegenen Industriegebiet in einer sogenannten Crossfit Box (die offizielle Bezeichnungen für Trainingsräume, in denen täglich Blut, Schweiss und Tränen entlang bestimmter Bewegungsabläufe mit dem eigenen Körpergewicht oder zusätzlicher Utensilien vergossen werden) ihrem Schweinehund erfolgreich in den Weg stellte, sollte mehr Einfluss auf die kommenden Monate haben, als ich mir jemals hätte ausmalen können.

 

 

Auf den ersten Blick erschien mir alles sehr rudimentär eingerichtet. Die wichtigsten Gerätschaften standen in Reih und Glied, jedoch mit einer gehörigen Portion Herzblut und Liebe zusammengestellt sowie akkurat angeordnet. Kein stylomylo Schicki-Muckibuden-Flair, keine Poser, kein Flexen am Spiegel, keine stinkenden Umkleidekabinen, keine „Was-geht-alter“-Gespräche. Keine Glossy-Tussies in transparenten Leggings, die nur zum Instagram-Posen auf Laufbänder steigen. Hier läßt man sein Ego draussen. Im Auto. Hier werden die wahren Helden geschmiedet.

 

 

Ein wenig fand ich mich in einer Szene aus Rocky III wieder, als Apollo mit Sylvester Stallone ein versteckes Hinterhof-Gym betritt, alle Augen der Anwesenden dabei auf “den Neuen” gerichtet. Ein freundlich lächelnder Trainer namens Dennis versuchte mir nach der ersten Kontaktaufnahme, mir meine bösen Vorahnungen zu entkräften. Leider erfolglos. Das mir teilweise bereits bekannte Inventar sollte sich schon bald als High-End Folterinstrumentarium herausstellen. Trotz allem lag eine Brise von “Du bist hier richtig”-Spannung in der Luft, welche mich lemming-gleich allen Anweisung folge leisten ließ, die dieser schelmisch lächelnde Typ mit dem Wort “COACH” auf dem Shirt an alle zu ihm blickenden Anwesenden weiter gab.

Um eine traditionelle  Crossfit Class zu beschreiben, muss man diese in drei elementare Segmente aufteilen:

 

1. Das Warm Up

Durch meine wöchentlichen Exkursionen in die heiligen Tempel der lokalen McFit-Filialen – Tempel aller lauten Hantel-Fallenlasser – schien mein Selbstbewusstsein zum Thema Fitness auf einer halbwegs akzeptablen Augenhöhe und ich war zumindest sicher, daß mich ein Warm-Up Training nicht völlig bloßstellen würde. In den kommenden 10 Minuten wurde mir jedoch sehr rasant vor Augen geführt, daß ein paar Kurzhantel-Schwünge oder einige Runden schwere Kabelzüge pro Woche meinem Körper scheinbar bisher noch nie eine Leistung abverlangt hatten, die mein Herz-Kreislauf-System auch nur im Ansatz an seine Grenzen gebracht hätten. Dies änderte sich schlagartig während der Aufwärmrunde meiner ersten Crossfit Class. Es kam mir vor, als wäre ich ohne Sauerstoffflasche vom Basislager zum Gipfel des Everest unterwegs … im lockeren Laufschritt … in T-Shirt und Shorts versteht sich.

 

Simpelste Dehn- und Eigengewichtsübungen wechselten in fliegender Folge, ohne dabei dem Puls eine Antwort auf die Frage “Was zur Hölle …?” geben zu können. Schnell hatte ich meine erste Lektion gelernt: Offenbar hatte mich mein Spiegelbild jahrelang belogen und all die alten, traditionellen Übungen hatten mich in Sicherheit gewogen. Danke … für nichts!

 

2. Der Kraft-Teil

Jetzt schien meine Kür gekommen. Schwere Gewichte stemmen. Dies sollte kein größeres Problem darstellen. Hier könnte ich brillieren und meinem Trainer beweisen, dass man trotz einer vorangestellten 4 in der Altersangabe noch einiges auf dem Kasten hat. Zum Altmetall gehören vielleicht die Stangen und Scheiben irgendwann … aber ich nicht. Vielleicht kam mir auch genau deshalb die auferlegten Übungen mit einem roten Gummiband etwas komisch vor. Hatte mir Dennis etwa nicht zugehört? Ich sprach von 50 kg Kurzhanteln und 400 kg Beinpresse und bekomme als praktische Antwort “Gummibänder” ? Da ich weder seine Methoden in Frage stellte noch ich mich innerlich dagegen sträubte, zog ich also los und versuchte mit maximaler Konzentration und absolutem Fokus die Übungen zu absolvieren, die der Coach sich für mich spontan zurecht gelegt hatte.

Boy was i wrong

Um mir von Anfang an keine fehlerhaften Bewegungen anzugewöhnen, zog ich eine gemäßigte Geschwindigkeit vor. Kontinuität ist König. Dies schlug sich sehr schnell in einem schweiß gebadeten T-Shirt nieder, welches bis zum Ende meiner Soirée auch nicht mehr trocknen sollte. Anscheinend wurden hier Bereiche meines Körpers  aktiviert, die ich bisher noch nie einsetzen musste.

 

Die für den Kraftteil angesetzten 30 Minuten vergingen wie im Flug. Als die Frage “Seid ihr alle durch” von den restlichen Anwesenden mit einem deutlichen “Ja” beantwortet wurden, schallte ein lautes “Dann können wir ja mit dem Workout beginnen” durch den Raum. Ein vermitztes Grinsen machte sich in Dennis‘ Gesicht breit und relativierten die Aussage in meinem Kopf schnell zu einem ironischen Witz herunter. Ich dachte nicht weiter drüber nach, als ich die benutzten Sportgeräte wieder an ihre vorgesehene Platze zurück räumte und gemütlich zu meiner Flasche Wasser schlenderte. Wenigstens kurz meinem Körper das wieder geben, was er auf Grund von Chaos und Panik in den Herzgefäßen durch die Haut in meine Kleidung abgesondert wurde.

 

Wie ich so relaxed und in Gedanken versunken an der Theke stehe und an meinem köstlichen Kaltgetränk nippe, drehte sich Dennis zu mir und meinte nur: “Wie siehts aus? Wir sollten langsam los legen!” Im Bruchteil einer Sekunde verschwand das charmante Gefühl von “war jetzt doch gar nicht soooo schlimm” und wurde direkt ersetzt durch ein “Ach du verf***te Scheisse, das war doch kein Witz!”. Mein Puls stieg sofort auf maximale Flucht-Frequenz und der Adrenalinspiegel hätte gereicht, um eine ganze Kneipe voller Schläger mit bloßen Händen allein aufzumischen. 

3. Das WOD

Jetzt wurde es ernst. All versammelten sich vor dem an der Wand hängenden Whiteboard und starrten gebannt auf die Zeilen, die Dennis mit schwarzem und grünem Marker auf die Tafel zu schreiben begann.

 

4 Runden auf Zeit – Zeit maximal 24 Minuten

Je Runde:

 

 

  • 400 m Laufen (alle 100 m -> 20 Air Squats)
  • 20 Situps
  • 30 Standing 2x Dumbbell-Push Press Overhead  
  • 10 Burpees

Aufgrund einer Verletzung kam für mich das Joggen noch nicht in Frage und so freundete ich mich umgehend mit der hinter mir stehenden Skiing-Maschine an.

Nach erster Kontaktaufnahme signalisierte mir mein Gehirn: „Machbar!“ 

Sobald ich also 100 m simulierten Langlauf hinter mich bringen würde, wären bei mir ebenfalls 20 Kniebeuge dran. Was auf den ersten Blick zackig aber nicht unmöglich erschien, sollte meine persönlichen Navy-Seals-Hell-Week werden.

 

Bei einem WOD gibt es grundsätzlich 3 Schwierigkeitsstufen. 

 

Advanced – Intermediate – Beginner 

 

Intermediate bedeutet eine Reduzierung der vorgegebenen Gewichte oder Wiederholungszahl basierend auf den Vorgaben für die Advanced Athleten. Beginner (Scaled) stuft dies noch einmal deutlich herunter, damit es für alle Beteiligten in einem realisierbaren Rahmen liegt. Es soll ja keiner zu Schaden kommen oder frühzeitig demotiviert werden.

 

Die Advanced Version sah für die Push Press vor, daß man für die Ausführung zwei 22,5 kg Kurzhanteln nehmen sollte. Im Bruchteil einer Sekunde flogen Zahlen meiner letzten McFit-Schulter-Trainingseinheiten an mir vorbei und eine innere Stimme überzeugte mich komischerweise energisch, hier doch auf ein Gewicht im Bereich unter 10 kg zu wechseln … Ego hin oder her. Da war sie wieder, meine Vorahnung gepaart mit dem Fluchtreflex. Mit dem Griff ins Regal verpasste mir mein Selbstbewusstsein eine kurze Ohrfeige aber ich blieb bei meiner Entscheidung.

 

Mir gegenüber machte sich Jürgen bereit. Jürgen war schon einige Zeit aktiv dabei und auf den ersten Blick gefühlt knappe 10 Jahre älter als ich. Er machte einen  drahtigen Einruck, war tätowiert und vor allem um keinen coolen, witzigen Spruch verlegen. Er legte sich die Advanced Gewichte zurecht und ich stellte meine Auswahl noch einmal kurz in Frage, bevor ich meiner inneren Stimme den endgültigen Befehl gab, sich aus der Angelegenheit rauszuhalten. Schließlich musste irgendwann mal ein Machtwort gesprochen werden. 

Get ready guys.
Ten seconds.

Dennis stellte den Timer an der Wand, gab das Kommando und unaufhaltsam begannen die Ziffern von 10 auf 0 hinab zu zählen. Damit wurde offiziell der Beginn einer Anstrengungen eingeleitet, die ich so in dieser Form bisher noch nie erfahren hatte.

 

 

Ich drehte mich zu meinem Ski-Gerät während der restliche Mob wie eine wildgewordene Horde aus der Halle spurtete, um die erste Hürde der vorgegebenen 400 m samt der zugehörigen 4 x 20 Air Squats zu absolvieren. Meine Hände zogen wild an den Seilen, als ginge es darum, lebensspendendes Wasser aus einem Brunnen inmitten einer Wüste ans Tageslicht zu fördern. Meine Augen klebten an den aufsteigenden Zahlen auf dem Display vor meiner Nase, sehnsüchtig wartend auf die ersten zu erreichenden 100 m und dem damit verbundenen U-Turn zu den  20 Air Squats, nur um sofort danach wieder in eine repetitive Form der Verbeugung  der Ski-Langlauf-Technik zu verfallen.

 

 

Gleich danach ging es auf den Boden – 20 Sit Ups. Was denkbar einfach sein sollte schien über die vergangenen Jahre vollkommen auf der Strecke geblieben zu sein. Bereits nach wenigen Wiederholungen wurde der Drang einer schnellen Aufwärtsbewegung vehement gebremst. Es schien zunehmend unmöglicher, einen simplen, sauberen Bauchaufzug zu vollführen, ohne daß ich dabei aussah wie ein auf dem Rücken liegender Käfer, der verzweifelt versuchte, der gleissenden Sonne und dem damit verbundenen, sicheren Tod zu entrinnen.

 

 

Kurz darauf ging es weiter mit den Kurzhanteln. Ich hatte mir leichte Gewichte ausgesucht (7,5 kg je Hand). 30 Wiederholungen? Lächerlich. Ein Kinderspiel! Die 9,81m/s2 Erdanziehung würden für mich keine tragende Rolle spielen … dachte ich jedenfalls. Doch ab der zehnten Wiederholung schien eine unsichtbare Kraft an beiden Enden der Kurzhantel zu ziehen und mir diese seitlich entreißen zu wollen. Wo war all die Power, die ich über Monate und Jahre hinweg teilweise bereits morgens um 4 Uhr früh oder zur nächtlichen Stunde aufgebaut hatte? Wofür das ganze Protein? Für was die tägliche Schinderei? Mittlerweile waren einige Mitstreiter längst zu Runde zwei von vier aufgebrochen und ich wurde mir mehr und mehr meiner Sterblichkeit bewusst. Vor allem, weil mir nun die Königsdisziplin der Kreislauf-Fickerei schallend ins Gesicht lachte. Burpees!

 

 

Wer schon einmal Burpees gemacht hat, weiß, daß diese Übung eigentlich nur als Bestrafungen dienen kann. Es kann einfach niemanden auf diesem Erdball geben, der sich über Burpees in einem Workout freut. Diese Grundübung basierend aus einem Liegestütz und einem gestreckten Sprung kratzt so hart an der menschlichen Leistungsfähigkeit, daß hier viele gedanklich schon drei Kreuze machen. Burpees sind bis zum heutigen Tag in jedem Workout mein größter Angstgegner und ich habe auch noch keinen Antidot entdeckt. Manche behaupten, es würde mit der Zeit leichter. Eine glatte Lüge.

 

 

Während ich also meine letzten Kraftreserven zusammen trug, um nicht zwischen den Wiederholungen einfach kurz ohnmächtig zu werden, schossen mir unzählige Fragen in den Kopf. “Was zum Geier machst du hier eigentlich?” – “Warum tut man sich das freiwillig an?” – Würde es auffallen wenn ich jetzt einfach zum Auto gehe und weg fahre?” – ”Reicht die Zeit bis zur Toilette aus um mich nicht direkt auf die Matte zu übergeben?” – ”Was wäre, wenn ich hier und jetzt einfach tot umfalle? Zählen die bisherig absolvierten Burpees dann trotzdem?”

 

 

Im Schweisse meines Angesichts beendete ich meine erste Runde. Die Uhr an der Wand signalisierte mir, daß ich die Hälfte der maximal verfügbaren Zeit bereits in Anspruch genommen hatte und so stand ich auf, klopfte mir den Staub aus der Kleidung trat meinem neuen alten Feind erneut gegenüber.

 

 

Die Sekunden vergingen in Zeitlupe. Alles um mich herum verblasste zu einem Gemisch aus undefinierbaren  Geräuschen, verschwommenen Bildern keuchender Menschen, lauten, als Ansporn gedachten Zwischenrufen und dem Verlangen, endlich meinem Schöpfer gegenübertreten um ihn ein “dummes Arschloch” nennen zu können. Schließlich hat er mich in diese Hölle geschickt. Freier Wille? My Ass!

 

Als die erlösenden Töne der letzten Sekunden mein Ohr erreichten, signalisierte mein Körper mir mit einer mir bis dato nie erbrachten Reaktion eine Bestätigung meiner soeben vollzogenen Leistung. Das hatte ich so noch nicht gefühlt. Welche chemischen Prozesse hier sich grüßend die Hand gaben und in meinem Kopf ein Feuerwerk der ausgestreckten Mittelfinger in Richtung meines Schweinehundes veranstalteten, kann ich nicht betiteln.Es war aber das Geilste, was sich seit langem in meinen Synapsen abgespielt hatte.

 

 

Im glasigen Schein meiner Tränen gefüllten Augen hob ich meine Hand um dem traditionellen Abklatschen nach verrichteter Arbeit zu huldigen und ebenfalls die Anstrengungen meiner Kamerad*innen respektvoll zu würdigen. Jedes Aufeinandertreffen meiner Handfläche auf die eines Mitstreiters nährte meinen Verstand mit wohliger Akzeptanz, leerte den Krug der Vorbehalte und der zu Unrecht herbeigerufenen Selbstzweifel in meinem Kopf und füllte mein Herz mit einer wunderbaren Art von Wärme und Menschlichkeit, die ich in unserer Welt schon längst in Vergessenheit wähnte. 

 

Ich war ein Überlebender.  

Alles oder nichts

Als mein Körper anfing, meinen Kommandos seitens der rechten Gehirnhälfte wieder gehorchen zu wollen, trat ich kurz vor dem Verlassen der Box an die Theke, an der sich meine Frau bereits angeregt und scheinbar völlig entspannt unterhielt. In diesem Moment warf Dennis mir die eigentlich schon obligatorische Frage zu: “Na, wie hat es dir denn gefallen?”. Ein erschöpftes Lächeln und meine darauf folgende Unterschrift unter dem Mitgliedsvertrag bedurfte offenbar keiner weiteren rhetorischen Ausführungen. Ich war „hooked“. 

 

Seit dieser für mich persönlichen Sternstunde sind nun bereits über 18 Monate vergangen. Tolle und legendäre Momente in der Box und vor allem mit der ganzen  Community sind hinzugekommen, hunderte (wenn nicht sogar tausende) Burpees sind absolviert und unzählige Kilometer gelaufen worden. Es gibt so manches, was ich in meinem Leben bereue, getan zu haben. In die Welt von CrossFit einzutauchen gehört definitiv nicht dazu. 

 

In diesem Sinne …

Harder Better Faster Stronger 

Dieses Video entstand während der offiziellen Ausscheidungs-Workouts zu den Crossfit-Games-Open Ende 2019.
Kamera, Schnitt und Post > meine Wenigkeit. Music by Epidemic Sound.